Festival Stop Motion Montréal 2017

15.-17.09.2017
Ein Reisebericht von Jonatan Schwenk (SOG)

Da ich mit der Kuratorin eines der Extraprogramme des Festivals („Carte Blanche“ deutscher Stopmotionfilme) im Flieger saß, hatte ich das Glück, vom Festivalleiter Eric Goulet persönlich vom Flughafen abgeholt zu werden. Ich hatte recht kurzfristig beschlossen, auch an diesem Festival teilzunehmen, weil mein Film auch in Ottawa angenommen war, welches drei Tage später und nur ca 2 Std von Montréal entfernt stattfand. So konnte ich die Reisekostenunterstützung der AG Kurzfilm und German Films gleich für zwei Festivals auf einmal nutzen. Mein Film war im „Carte Blanche“ - Programm gelandet, da er für die Wettbewerbsanforderungen zu wenige Stop-Motion-Anteile enthielt. Dies stellte sich später jedoch als ganz angenehm für mich heraus, da ich so sehr entspannt viel Zeit mit der Jury verbringen konnte, die zum Beispiel auch bei dem gemeinsamen Abendessen dabei war, zu dem ich gleich nach unserer Ankunft eingeladen wurde. Noch völlig gejetlagged fand ich mich plötzlich inmitten der VIPs des Festivals wieder: neben dem Leitungsteam des Festivals und der Jury lernte ich auch die internationalen Gäste kennen, die für Vorträge eingeladen waren und dafür aus den USA, aber zB auch aus Polen angereist waren, und deren Themen / Arbeiten auf jeden Fall interessant für mich waren. Alle waren super nett und der Festivalleiter bestand später sogar darauf, mich noch bei meiner Unterkunft rumzufahren. Es wurde deutlich, wie sehr sich die Festivalorganisatoren freuen, dass inzwischen doch recht viele internationale Gäste von weit her anreisen, um am Festival teilzunehmen.

Da das Festival wie wohl die meisten in Nordamerika nicht subventioniert wurde, konnten zumindest für mich, der ich außerhalb des Wettbewerbs lief, keine Unterbringungskosten übernommen werden. Ich war daher bei einer Bekannten privat einquartiert.

Die Screenings fanden in der Universität Concordia in zwei Räumen statt, einem sehr gut ausgestatteten Kino als Hauptspielort und in einem Hörsaal. Letzterer sowie das improvisierte Festivalbüro und der Bereich vor dem Kino waren etwas karg und wenig einladend, eben alles Räume der Universität, aber das fehlende Flair wurde auf jeden Fall von der Herzlichkeit des Teams und der guten Atmosphäre wieder wettgemacht.

(Es gibt Vitrinen, wo mitgebrachte Stop-Motion Puppen ausgestellt werden können!) Ein Schwerpunkt lag in jedem Fall auch auf den technischen Aspekten der Stop-Motion Animation, wohl auch, weil der Leiter des Festivals selber Puppet-Making-Kurse an der Universität gibt, und auch weil verschiedene Gäste mit einem technischen Schwerpunkt anwesend waren. Daher war alles etwas „nerdig“. Vor dem Festival gab es auch einen Puppenbau-Workshop, von dem ich jedoch nichts mehr mitbekommen habe, außer dass er positiv aufgenommen wurde.

Es gab eine recht lange und gut besuchte Veranstaltung, bei der sämtliche Filmemacher*innen der Reihe nach zu ihren Filmen befragt wurden. Die Moderatorin war bestens vorbereitet und schaffte es, aus den Filmemacher*innen sowohl inhaltlich sehr Gutes zu entlocken, als auch dabei eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. So hatte man durch ein einziges Event (für die nächsten Editionen ist jedoch eine Aufspaltung geplant, weil es zu lange gedauert hat) sämtliche Gesichter der Filmemacher*innen schonmal gesehen, sowie kurze Ausschnitte zu den jeweiligen Filmen. Bei den Screenings der Wettbewerbsfilme selbst gab es dann jedoch keine Q&A's mehr. Ich hatte jedoch das Glück, dass ich nach meinem Screening des „Carte Blanche“-Programms nochmal ein ausführliches Gespräch mit der Moderatorin und dem wirklich sehr interessierten Publikum führen durfte.

Das Programm war abwechslungsreich und das Niveau der Filme erschien mir recht hoch – es gab wenig trashige Filme und durchaus auch die zu dem Zeitpunkt erfolgreichsten und hochwertigsten Produktionen zu sehen. Es waren auch wirklich eine ganze Reihe Filmemacher*innen vor Ort, die teilweise von weit her angereist waren, wie ich später erfuhr wächst die Zahl der internationalen Gäste von Jahr zu Jahr. Es war einfach und gab auch gute Gelegenheiten dazu, mit anderen Gästen ins Gespräch zu kommen, schnell bildeten sich zB Mittagessensgrüppchen usw. Durch die Nähe zum National Film Board of Canada (welches sich ebenfalls in Montréal befindet) und auch durch die Studierenden der Concordia Universität gibt es in Montréal in jedem Fall eine rege Animationswelt, und ich konnte dort durch das Festival auch durchaus einige aus dieser Szene kennen lernen. Abends gab es verschiedene Spots, an denen man sich zum gemeinsamen Trinken, Jive tanzen und Quatschen traf, was sehr nett war. Leider ist in Kanada um 2 Uhr nachts Sperrstunde, und es war schwierig, zu späterer Stunde überhaupt noch was zu finden, wo man noch was zu trinken bekam.

Mir persönlich hat es viel Spaß gemacht, mit der Jury unterwegs zu sein – ein Vorteil davon, mal nicht im Wettbewerb zu sein. Zwei der Mitglieder waren Animatoren von Laika aus Portland, so dass ich einen ganz schönen Einblick in deren Arbeit bekommen konnte.

Insgesamt war ich sehr angetan, würde wieder hinfahren, wenn mein Film auch wieder in Montréal angenommen wird, und ich hoffe, dass das Festival auch für die nächsten Editionen so familiär und sympathisch bleibt, obwohl die Zuschauer und Gästezahlen anscheinend von Jahr zu Jahr wachsen.

www.stopmotionmontreal.com