Turicine Festival 2025
10.-20.07. 2025
Ein junges Festival mit großer Strahlkraft
Dank der Unterstützung von AG Kurzfilm und German Films hatte ich die besondere Gelegenheit, zur Südamerika-Premiere meiner Kunstfilm-Trilogie Traces of Life / How to Kill nach Quito zu reisen – zugleich als Repräsentantin des deutschen Kurzfilms beim Turicine Filmfestival. Dieses noch junge, ambitionierte Festival, das in diesem Jahr seine vierte Ausgabe feierte, verfolgt das Ziel, die Filmkultur in Ecuador und Südamerika zu stärken und neue Publikumsgruppen mit mutigen internationalen und lokalen Positionen in Berührung zu bringen. Getreu dem Motto Cine en todas partes / Kino an allen Orten fanden Screenings nicht nur in Kinos, sondern auch in Museen, Theatern, Galerien, Universitäten und Open-Air-Locations statt.
Die Eröffnung im ehrwürdigen Teatro Capitol war mit rund 600 Besucher:innen ausverkauft – ein starkes Signal für die überregionale Relevanz des Festivals. Auch wenn kleinere Vorführungen schwankend besucht waren, überzeugte die kuratierte Auswahl über zehn Tage hinweg durch ästhetische Vielfalt, thematische Dringlichkeit und klare Handschrift. Im Zentrum stand das ecuadorianische Kurzfilmprogramm, das auf reges Publikumsinteresse stieß. Das internationale Kurzfilmprogramm, in dem auch mein Film gezeigt wurde, lief im Programmkino Ocho y Medio vor einem kleineren, aber ausgesprochen reflektierten und neugierigen Publikum – inklusive anschließendem Q&A.
Festivalfavoriten: Drei Filme aus Ecuador
Drei in Ecuador realisierte Filme haben mich beim Festival besonders beeindruckt:
- Garúa von Javier Andrade und Catalina Kulczar, auf 16 mm in einem kleinen Küstendorf gedreht, erzählt vom Trauerprozess der Protagonistin – poetisch, ruhig und von einer Intensität, die ganz ohne Dialog auskommt.
- Helena de Sarayaku von Eriberto Gualinga begleitet die 17-jährige Aktivistin Helena, die zur Stimme des Konzepts „Kawsak Sacha – Living Jungle“ wird. Besonders die rauschhaften Szenen des Dorffestes Uyantza Raymi, in denen Körper und Gemeinschaft schonungslos nah gefilmt sind, hinterlassen eine ambivalente, zugleich eindringliche Wirkung.
- Alucina von Javier Cutrona schließlich war einer der besten Filme, die ich seit Jahren gesehen habe. Die fantastischen Bilder erinnern stellenweise an Wes Andersons Grand Budapest Hotel, nur eben in einem kleinen Hotel, eingebettet in die Kulisse Ecuadors. Halluzinogen und im magischen Realismus verwurzelt, entfaltet der Film hochphilosophische Dialoge und bis ins Detail ausgearbeitete Figuren. Er erzählt von Traumata, die die Figuren – und auch uns als Zuschauer:innen – prägen, und greift die Logik des Schmetterlingseffekts auf: wie kleinste Gesten und Erinnerungen die Welt verändern können. Selten gelingt es, Animation so nahtlos und immersiv einzusetzen – hier jedoch auf höchstem Kino-Niveau. Und allein wegen der Ameisen sollte man diesen Film gesehen haben.
Diese drei Filme faszinieren mich, weil sie in poetischen und radikalen Bildern von Trauma, Erinnerung und Transformation erzählen. Sie zeigen, wie eng das Persönliche mit dem großen Ganzen verknüpft ist – mit universellen Fragen nach Vergänglichkeit, Zerbrechlichkeit und Verbundenheit. Mit Traces of Life / How to Kill suche auch ich nach einer filmischen Sprache, die diese Zwischenräume erfahrbar macht.
Türen öffnen sich in Quito
Ein weiterer Höhepunkt war mein Screening im Ocho y Medio mit anschließendem Q&A, bei dem auch Karol Crespo, Direktorin für Kreativität, Erinnerung und Kulturerbe der Stadt Quito, anwesend war. Ihr Interesse an meinem Film führte direkt zu zwei besonderen Einladungen: zum einen zur Cinemateca Nacional, wo mein Filmplakat in die Sammlung aufgenommen wurde und mir die Direktorin Mariuxi Alemán eine persönliche Führung organisierte; zum anderen zur Universidad Escuela Politécnica Nacional, wo ich Traces of Life / How to Kill im Seminar von Prof. Paola Anabel Crespo Enriquez vorstellte – mit intensivem Austausch über Völkerrecht, Erinnerungskultur und filmische Darstellungen von Gewalt.
Lernen im TURILab
Parallel nahm ich am TURILab teil, einem vom Festival initiierten Kurzfilm-Labor für Projekte in Entwicklung. Unter der Leitung des kolumbianischen Produzenten Sergio Tapias erhielt ich Einblicke in Produktionsstrategien für den lateinamerikanischen Markt – bemerkenswerterweise mit starker Anbindung an Frankreich, was für meine Arbeit besonders wertvoll war. Im Rahmen des Labs hielt ich zudem einen Gastvortrag über meine künstlerische Praxis und die Rolle von AG Kurzfilm und German Films in Deutschland – ein lebhafter Austausch mit vielversprechenden Nachwuchsfilmemacher:innen aus Ecuador.
Netzwerke und Begegnungen
Überrascht hat mich, dass ich die erste europäische Künstlerin war, die persönlich zum Turicine anreiste – ein Umstand, der tatsächlich nur durch den Reisekostenzuschuss von AG Kurzfilm und German Films möglich wurde. Diese besondere Konstellation eröffnete zahlreiche tiefgehende Gespräche mit Festivalteam, Produzent:innen, Jurymitgliedern und Publikum. Zugleich zeigte sie, dass künftig eine intensivere Guest-Relation-Struktur vor Ort wünschenswert wäre, da vieles durch Eigeninitiative und Offenheit entstand – letztlich jedoch zu wertvollen neuen Kontakten führte.
Besonders prägend waren die persönlichen Begegnungen mit Filmschaffenden der Region – darunter Produzent und Dozent Sergio Tapias (Kolumbien), Diego Figueroa (El Salvador, Gründer der ersten Filmschule) sowie die Regisseure meiner Festivalfavoriten: Javier Andrade (Garúa), Eriberto Gualinga (Helena de Sarayaku) und Javier Cutrona (Alucina).
Am klarsten zeigte sich die Fruchtbarkeit dieser Reise jedoch in einer unmittelbaren Zusammenarbeit: Mit der Nachwuchsregisseurin Andrea Salguero, die ich im Lab kennenlernte, drehte ich direkt im Anschluss einen ersten Teaser für mein neues Projekt Línea Madre. Die einminütige Version wurde prompt für das Programm Cine Minuto Quito beim Festival Internacional de Cine de Quito (30.9.–4.10.2025) ausgewählt – ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich Austausch, Netzwerke und künstlerische Arbeit in Quito sofort produktiv miteinander verbinden ließen.
Special Mention und Ausblick
Mein persönlicher Höhepunkt war schließlich die Auszeichnung mit einer Special Mention der Jury. Der Kurator Damián Jácome sagte mir, wie herausfordernd es gewesen sei, Traces of Life / How to Kill – als ersten experimentell-essayistischen Kunstfilm – ins Programm zu integrieren. Mit meiner Einreichung konnte er nun intern dafür plädieren, künftig eine eigene Rubrik für Kunstfilme im Festival zu etablieren.
Die wichtigste Erkenntnis: Meine Arbeit behauptet sich sowohl im White Cube als auch im Kino – und verbindet dabei Erinnerungskulturen zwischen Europa und Lateinamerika. Die Reise hat mir nicht nur eine Jury-Auszeichnung und neue Kontakte ermöglicht, sondern auch Türen zu nachhaltigen Kooperationen mit Kulturinstitutionen in Quito geöffnet. Traces of Life / How to Kill hat durch diesen Schritt spürbar an internationalem Profil gewonnen – und ich möchte diesen Weg weiter gemeinsam gehen.
Mein Dank gilt ausdrücklich AG Kurzfilm und German Films – und ich freue mich auf weitere Gelegenheiten, meine Arbeiten in internationale Programme, kuratierte Reihen und Festivals einzubringen.