Aesthetica Short Film Festival 2025
05.- 09.11.2025
Meine Reise nach York begann, wie jede Reise in Deutschland beginnt: mit einer Verspätung der Deutschen Bahn. Mit einem großen zeitlichen Verzug am Flughafen ankommend, erreichte ich jedoch meinen Flieger nach Manchester, wo ich für eine Nacht in einem äußerst ominösen Zwei-Quadratmeter-Zimmer geschlafen habe, in dem die Heizung auf maximaler Leistung lief und ein kaputter Regler mir verbot, an diesem Zustand etwas zu verändern. Am nächsten Morgen fuhr ich dann mit dem Zug nach York...
Schon bei den ersten Schritten durch die Stadt auf dem Weg zum City Screen, dem Hauptkino des Festivals, kam mir der englische Charme in Form von Architektur und mir freundlich gesinnten Omas entgegen. Im Festival Hub angekommen, holte ich meine Akkreditierung ab. Das passierte trotz netten Personals ziemlich unpersönlich. Im Gegensatz zu einigen anderen Festivals, bei denen es eine feste Ansprechperson gibt, die man dann auch während des Festivals trifft, war der gesamte E-Mail-Verkehr im Vorhinein bei diesem Festival recht unpersönlich und automatisiert.
Nach einem kurzen Check-in in meinem Hotel ging ich zum ersten Programmpunkt, einer Masterclass zu Actionsequenzen, in der zwei Stuntmen vor und mit dem Publikum eine gemeinsame Choreografie erarbeiteten. Das war recht lehrreich und machte Lust auf mehr. Für die Masterclasses musste man sich im Vorhinein anmelden. Einige sehr beliebte, wie zum Beispiel „Secrets from Programmers: How to Get Your Film into Festivals“, waren sehr schnell ausgebucht. Zu den Filmscreenings konnte man einfach so hingehen.
Die Filmauswahl war unterteilt in die Kategorien Comedy, Drama, Thriller, Experimental, Animation, Music Video und Fashion. Dazu gab es Games und VR als weitere Rubriken. Die ersten Experimentalfilme sah ich wenige Stunden nach meiner ersten Masterclass im York St. John Creative Centre auf einer kleinen Theaterbühne, über der eine Leinwand hing. Die Qualität der Filme mag natürlich Geschmackssache sein, aber die Qualität der Projektion war es zweifellos nicht. Alle Filme sahen stark komprimiert aus, als würde man eine H.264-Datei über einen günstigen Beamer abspielen. Wissend, dass das Festival keine DCPs anforderte, sondern nur ProRes 422 und H.264, ließ mich das ein wenig vor der Vorführung des eigenen Films erschaudern. Dieser lief bereits einmal, was ich jedoch verpasst hatte. Zwei weitere Male sollten folgen.
Am Abend fand im Rose Within the Walls, einer kleinen, netten Bar, eine Networking-Veranstaltung statt, bei der der kostenlose Wein schon recht früh ausgetrunken war. Dort gab es die Möglichkeit, mit verschiedensten Leuten ins Gespräch zu kommen. Dabei sind mir schnell zwei Dinge aufgefallen: Es handelte sich nicht nur um eine Ansammlung von RegisseurInnen, sondern vielmehr um eine Ansammlung verschiedener Gewerke – KomponistInnen, SchauspielerInnen oder ProduzentInnen. Die Gewerke waren recht vielfältig repräsentiert, was ich als sehr angenehm und bereichernd empfand. Auf der anderen Seite fiel mir auf, dass fast alle Anwesenden aus England kamen und ich einer der sehr wenigen war, die aus einem anderen Land angereist waren. Ich hatte das Festival zuvor als recht international wahrgenommen, doch je mehr ich mit den Leuten vor Ort sprach und einen Überblick über das Programm bekam, desto mehr verfestigte sich der Eindruck, dass es einen starken England-Fokus gibt. Mit vielen fremden Namen und fremden Nummern auf meinem Handy ging ich nachts nach Hause und musste im Hotelzimmer feststellen, dass jedes Mal, wenn ich mein Handy in eine Steckdose steckte, Toilettenwasser aus der Dusche kam. Diese Kuriosität soll an dieser Stelle jedoch nicht weiter vertieft werden.
Am nächsten Tag besuchte ich eine Masterclass, in der über Sounddesign gesprochen wurde. Das war ganz interessant, ging aber nicht wirklich in die Tiefe. Zwischen Tür und Angel sprachen mich Menschen an, die unseren Film „Schweden“ gesehen hatten und begeistert waren. Ein Professor einer Filmhochschule hatte den Film am Vortag mit seiner Klasse gesehen, und anschließend wurde in der Gruppe darüber diskutiert. Das Festival bot außerdem die Möglichkeit, den eigenen Film zehn Minuten lang vor anderen FilmemacherInnen vorzustellen. Das passierte in einem kleinen Gang, in dem meist ein halbes Dutzend Leute saß, die vermutlich ihre Zeit überbrückten, bevor der nächste Filmblock anfing. Als Möglichkeit, andere Leute kennenzulernen, war dieses Format, das sich „Makers Forum“ nannte, jedoch gut geeignet. Darüber hinaus gab es die Möglichkeit, vor VertreterInnen der BBC und anderen wichtigen Produktionshäusern wie Ridley Scott Associates ein kommendes Projekt zu pitchen. Dafür musste man sich allerdings sehr früh anmelden, und die Plätze waren schnell vergeben.
Im City Screen sah ich am selben Tag einen Drama-Filmblock. Dort sahen die Filme auf der Leinwand trotz fehlender DCPs sehr gut aus und hörten sich auch vernünftig an. Von allen Locations, in denen ich Filme gesehen habe, bietet das City Screen mit Abstand das beste Kinoerlebnis. Im Flur des City Screens hingen außerdem einige ausgewählte Filmposter, zu denen auch unser Poster zählte. Wenn man für diese „Film Poster Exhibition“ ausgewählt wurde, musste man das Poster aus eigenen Mitteln drucken lassen und zum Festival schicken.
Am Abend gab es dann wieder eine Networking-Veranstaltung in der Festivalbar „Dusk“. Eingeweihte wussten, dass man dort ein Glas Heineken umsonst bekam, wenn man es bestellte. Ich tauschte mich mit vielen Leuten vor Ort aus, doch mein Eindruck, einer der wenigen Filmemacher außerhalb der UK zu sein, blieb weiterhin bestehen.
Der nächste Tag war für mich sehr schön, da ich dort – neben bereits netten Bekanntschaften – meine Festivalcrew gefunden habe: eine tolle, liebenswerte Gruppe anderer FilmemacherInnen (RegisseurInnen, DPs, ProduzentInnen, SchauspielerInnen und ein sehr netter Architekt, der eigentlich nicht viel mit Film zu tun hat). Neben der schönen gemeinsamen Zeit, die wir verbrachten, gingen wir alle zusammen zum Screening unseres Films „Schweden“. Dieser lief im City Screen, was meinen Augen und Ohren sehr entgegenkam. Leider gab es bei allen Screenings keine Q&As, was das Festival wiederum ein wenig unpersönlicher machte. In der Stadt liefen viele junge FilmemacherInnen mit gelben Bändchen herum, von denen man jedoch meist gar nicht wusste, welche Filme sie gemacht hatten. Mit meiner Crew und anderen Leuten aus dem Screening hatte ich nach der Vorführung dennoch die Möglichkeit, über unseren Film und die anderen Filme im Block zu sprechen. Wie jeden Abend gab es auch an diesem Tag eine Networking-Veranstaltung im City Screen selbst, bei der es kostenlosen Wein und einen DJ gab.
Die Preisverleihung am nächsten Tag war nett, und es wurden Preise in vielen Kategorien verliehen, darunter auch in einzelnen Departments wie „Beste Kamera“, „Bester Schnitt“ und „Bestes Drehbuch“. Was bei der Preisverleihung auffiel – und was man eigentlich schon vorher wusste – war, dass es bei der Vielzahl an Kurzfilmen in den vielen Kategorien unmöglich war, alle Filme zu sehen. Nicht einmal ein Drittel aller Filme konnte ich anschauen. Allerdings gab es einen Online-Zugang, den man nutzen konnte, um bis zum 30. November die Filme zu streamen.
Insgesamt war ich sehr froh, beim Aesthetica Short Film Festival gewesen zu sein – vor allem, weil ich durch die AG Kurzfilm diese Möglichkeit bekommen habe. Viele Leute vor Ort waren begeistert von der Tatsache, dass wir in Deutschland diese Institution haben, die FilmemacherInnen mit Kurzfilmen auf Festivals unterstützt. Ich konnte tolle Filme sehen, sehr nette Menschen kennenlernen, mich mit Leuten aus der Branche vernetzen und mehr über das britische Filmsystem lernen. Ich hätte mich gefreut, wenn es noch mehr internationale Gäste gegeben hätte und wenn das Festival an der ein oder anderen Stelle etwas persönlicher gewesen wäre, zum Beispiel durch Q&As nach den Screenings oder festen AnsprechpartnerInnen vom Festival.
Bei meiner Ankunft in Berlin – die Hosentaschen voller Visitenkarten und der Kopf voller Eindrücke – wurde ich dann wieder mit Altvertrautem begrüßt: Die Bahn kam natürlich erneut zu spät. Immerhin konnte ich beim Warten auf die Seite von Aesthetica gehen und mir noch ein paar weitere Kurzfilme anschauen….