Guanajuato International Film Festival 2025

25.07.–03.08.2025

Bericht von Fabian Podeszwa (SAY WUFF!!)

Ich komme in Mexiko an mit einem Film im Gepäck und einer Förderung der AG Kurzfilm im Rücken, und trotzdem fühlt es sich eher so an, als hätte mich ein Land eingeladen und nicht ein Festival. Die erste Woche vor Festivalbeginn verbringe ich in Mexiko-Stadt, halb bei Freundes-Freunden, halb im Hostel, in denen sich Leute aus drei Kontinenten mischen – tagsüber Sehenswürdigkeiten, abends Essen an Straßenecken und Gespräche, in denen ich ziemlich schnell merke: Die meisten Menschen hier haben keinen Bock auf Smalltalk. Sie hören zu, lassen Pausen, fragen nach, als wäre Tiefgang die Standardeinstellung.

 

Inmitten dieser ersten Woche spielt Nicolás Jaar. Zwei Nächte, beide ausverkauft, ich ohne Ticket. Vor dem Eingang Ticketverkäufer mit Preisen wie kleine Erpressungen, und ich mit dem entschlossenen „Mal gucken“-Gesicht – irgendwann sagt jemand, ihre Freunde kommen nicht, ob ich reinkommen will. 2 Drinks später stehe ich in diesem übertrieben ornamentierten Saal, alles Skelette und Heiligkeit, ein Ort, an dem man nicht mal ein Feuerzeug oder einen Kugelschreiber mit reinnehmen darf, weil irgendwas an diesem Raum als zu heilig markiert ist, um Metall im Taschenformat zu ertragen. Und ausgerechnet dort spielt Nicolás Jaar keine ikonische Electronica, sondern Cumbia, als hätte die Stadt ihm selber das Set geschrieben. Ich stehe in dieser Mischung aus Spiritualität, kolonialem Pomp und Bass und habe das sehr klare Gefühl: Dieses Land hat gerade beschlossen, mich zu adoptieren, zumindest für eine Weile.

 

Am nächsten Tag beginnt das Festivalkapitel, und mein sorgfältiger Plan, entspannt mit dem Bus nach Guanajuato zu fahren, löst sich ziemlich schnell wieder auf: Mein Bus fällt aus, Folgebusse voll, deutsche Kreditkarte lacht nur müde im mexikanischen Online-Ticketing. Ich stehe am Busterminal, 7 Stunden Puffer verdampfen in Echtzeit, und während ich den Daumen raushalte, merke ich, dass, wenn ich jetzt rational bleibe, einfach nicht ankomme. Also werde ich irrational. BlaBlaCar Mexico City, letzte Hoffnung, eine Fahrt nach Guanajuato. Es ploppt wirklich eine auf, ich schreibe, er schreibt zurück, alles easy, fragt, ob ich allein bin. Erst als ich später sein WhatsApp-Profilbild sehe, Tattoo im Gesicht, Piercing, ausgestreckter Mittelfinger, dreht sich die Stimmung meiner Fantasie eher in: deutscher Filmemacher, kaum Spanisch, MacBook und Kamera im Rucksack, steigt in ein Auto von jemandem, der aussieht wie der Endgegner eines Trap-Videos. In meinem Kopf läuft einmal kurz eine Worst-Case-Rechnung durch, von „alles weg“ bis „irgendwann Anekdote in True-Crime-Podcast“ – aber trotzdem entscheide ich mich zu fahren, denn die Alternative ist ungefähr: es gibt keine.

 

Der Gangster, der in echt gar nicht so sehr Gangster aussieht, holt mich dann tatsächlich am etwas abgelegenen Busbahnhof ab, wir fahren los, stolpern erst über Sprachbarrieren und dann über den gemeinsamen Nenner Film. Nach wenigen Minuten ist klar: Er fährt auch zum Festival. Vier Stunden später weiß ich, welche Musik er liebt, welche Filme ihn gebrandmarkt haben, und ganz am Ende wird sich rausstellen: Er ist der Produzent von „Levanta Muertos“, dem Film, der später mein Lieblingsfilm des Festivals wird.

 

In Guanajuato selbst komme ich mit Restadrenalin an, halb zu spät, halb gerade noch rechtzeitig. Vor dem Kino wartet schon Nina Rodríguez, die Programmchefin, spricht mich auf Deutsch an, als wäre es das Normalste der Welt, dass hier in Mittelmexiko jemand aus Köln auf mich gewartet hat. Screening voll, Q&A moderiert von ihr, und während ich die Fragen beantworte, habe ich plötzlich das Gefühl, dass der Film hier wirklich gemeint und nicht zufällig irgendwo reingerutscht ist.

 

Die Eröffnungsgala findet im Teatro Juárez statt, super pompös, mit Balkonen, rotem Plüsch und einer Art Licht, das sofort erklärt, warum Kino etwas mit Ritual zu tun hat. Unten Abendgarderobe, Produzentinnen, Regisseure, Menschen, die man nur aus Festival-Newslettern kennt. Es gibt Reden, Ansprachen, später Empfänge, und zwischendrin immer wieder dieses Gefühl, dass sich hier eine eigene, kleine Republik Film für ein paar Tage materialisiert.

 

Die nächsten 2 Wochen bestehen aus Tagen, die man nur noch an Kinosesseln unterscheiden kann. Zwischen all dem renne ich von Saal zu Saal, trinke Kaffee mit Leuten, die ich vor zwei Tagen noch nicht kannte, spreche über Sounddesign, Festivalökonomien, Geister, Politik, und merke, wie sehr mich diese Kombination aus radikal gut kuratiertem Programm und persönlicher Wärme trägt.

 

Guanajuato mit den Treppen, den Tunneln, den Kinos, die eigentlich schon Museen sein könnten, und dann der zweite Festivalflügel in San Miguel de Allende, der alles nochmal auf Anfang setzt, nur mit anderem Publikum, neuen Gesprächen, gleicher Intensität – tagsüber Programme wegatmen, abends in Bars wie der „La Cucaracha“ hängen, einer abgeblätterten Bar, in der irgendwann alle auftauchen, Festivalteam, Filmemacherinnen, Locals, Leute, die hier leben, Cafés betreiben, früher selbst Film studiert haben, jetzt aber lieber Espresso ausschenken, aber immer noch so schauen, als würden sie heimlich Storyboards im Kopf zeichnen usw. Und gleichzeitig sorgen alle zusammen dafür, dass man sich nicht wie ein Durchreisender fühlt, sondern wie ein Gast an einem Tisch, der schon lange gedeckt ist.

 

Zwei Filme brannten sich ein: „Loynes“, ein Gerichtssaalfilm, mit totem Körper auf der Anklagebank und einer Soundmischung, die sich anfühlt wie ein Fußballspiel – und – eben „Levanta Muertos“, der Film meines BlaBlaCar-Fahrers. Eine auf 16mm gedrehte, verspielt klare Komödie, tief in einer mexikanischen Realität verankert und gleichzeitig komplett eigen in ihrer Spiritualität.

 

Wenn ich Mexiko wieder verlasse, habe ich nicht nur eine Festivaleinladung und ein paar Kontakte im Notizbuch, sondern das Gefühl, dass sich ein Stück meiner eigenen Film-Biografie jetzt topografisch fest verankert hat: irgendwo zwischen den Tunneln von Guanajuato, dem roten Licht im Teatro Juárez, der überfüllten „La Cucaracha“, der Begegnung mit einem angeblichen Gangster und – dem leisen, aber sehr deutlichem Gefühl, dass dieses Land gesagt hat: Du darfst wiederkommen.

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