04.05.2022

Warum gibt es eigentlich die AG Kurzfilm?

(c) Inez Koestel
Vor 20 Jahren wurde der Bundesverband Deutscher Kurzfilm gegründet. Astrid Kühl, Gründungs- und ehemaliges Vorstandsmitglied, blickt zurück auf die Anfänge, die Schwierigkeiten und die Akteur*innen.

17.01.2022
– Oh, eine Mail von Franziska Kache/AG Kurzfilm. Es geht um das 20. Jubiläum des Verbands, den ich 2002 gemeinsam mit vielen anderen gegründet habe. Mir schwant, von mir wird das Backen einer Geburtstagstorte erwartet. Ich öffne die Mail nicht. Lieber nicht, das riecht nach Arbeit, kreativ sein, mich erinnern an längst vergangene Zeiten. Immerhin bin ich seit 2008 definitiv fast raus aus dem Kurzfilmgeschäft.

Danach: Immer wieder schießt mir der Gedanke an diese Mail durch den Kopf. Am 30.1. öffne ich sie und ignoriere sie weiterhin. Vielleicht vergisst man mich einfach. Ist verärgert, aber will mir auf keinen Fall hinterherlaufen.

14.02.2022, 14.09h – Eine WhatsApp-Nachricht von Franziska. Verdammt, es ist ernst, ich kann mich da nicht herauswinden, muss mir irgendwas halbwegs informativ, Unterhaltsames aus dem Hirn quetschen.

15.48 – Ich antworte, entschuldige mich, alles sei schon so weit weg, mea culpa, mea culpa, und bitte um Rückruf, wenn es passt.

16.02.2022 – Ich telefoniere endlich fast eine halbe Stunde mit Franziska. Wir sprechen vor allem darüber, wie und warum es zu der Gründung des Kurzfilmverbands kam.

07.03.2022 – Ich bekomme per Mail Material aus der Gründungszeit des Verbands. Ignoriere die Mail, hoffe, die Deadline verstreicht und mein Beitrag erübrigt sich.

15.03.2022 – Eine Mail von Franziska mit der Frage wie ich mit meinem (Video-)Statement vorankomme. Mist, mein Plan geht nicht auf. Ich vertage die Antwort auf den nächsten Tag.

16.03.2022 – Ich bitte per Mail um Aufschub bis zum 21.03.2022.

21.03.2022 – Der Tag verstreicht, ich versuche mich schlechten Gewissens mit Haus- und Gartenarbeit abzulenken. Weiß, wie nervig es ist, keine Antwort zu bekommen etc. etc.

In meinem Kopf schon 1000 einleitende Worte formuliert, alles wieder vergessen, obwohl ein paar lustige Ideen dabei waren. Ich könnte eine Anekdote erzählen, war ein Vorschlag, aber da fällt mir fast gar nichts oder zu Persönliches ein. Vielleicht ein Traum über Michael Schmidt-Ospach (ehemaliger Geschäftsführer Filmstiftung NRW), der im Strampelanzug auf dem Boden liegt und immer wieder ausruft: Keine Mark (2002!) für Kurzfilm, keine Mark für Kurzfilm…).

Ich bekomme nichts zustande, überlege nochmal um Aufschub zu bitten, verwerfe die Idee, melde mich nicht und verschiebe die Angelegenheit beunruhigt auf den nächsten Tag.

22.03.2022, 7.30h – Heute gibt es kein Entrinnen mehr… Etwas muss ich zu Papier bringen.

Also gut: Die Forderung nach einer angemessenen Vertretung für den deutschen Kurzfilm im Ausland war mir bekannt, seit ich 1993 begann für das Kurzfilmfest Hamburg und die Kurzfilmagentur Hamburg zu arbeiten. Dort waren Markus Schaefer und sein Team mit der Idee angetreten, diese Arbeit zu leisten, denn zum Festival wurde fast die gesamte Jahresproduktion deutscher Kurzfilme eingereicht und gesichtet und es gab eine bestehende Infrastruktur in Form eines Videoarchivs und einer umfangreichen Datenbank sowie das kollektive Gedächtnis der Mitarbeitenden. Aber auch die Kurzfilmtage Oberhausen, damals unter der Leitung von Angela Haardt, hatten großes Interesse und die entsprechenden Ausgangsbedingungen, um diese Arbeit zu übernehmen. Es gab also einen Konflikt, dessen Lösung die sehr unterschiedlichen Interessen der verschiedenen mit und für Kurzfilme Arbeitenden nicht einfacher machten. Schnell war klar: Es muss ein unabhängiger Verband gegründet werden, der alle Interessen unter einem Dach vereint. Auch aus der Politik kam die Forderung nach einer von Partikularinteressen unabhängigen Organisation für den Kurzfilm, als kompetentem Ansprechpartner für anstehende Novellierungen des Filmförderungsgesetzes und andere Fragen. Kurz gesagt: Alles schien schwierig, überall Barrikaden und niemand hatte so richtig Lust, die knappe Zeit damit zu verbringen, einen Kurzfilmverband zu gründen. Dazu kam die schwierige Frage der Finanzierung einer solchen Vertretung, denn Geld wollte eigentlich auch niemand dafür (aus-)geben. Auf Bundesebene berief man sich darauf, dass Kurzfilm dem Bereich Kultur zuzuordnen und somit Sache der Bundesländer sei. Auf Länderebene befassten sich Juana Bienenfeld, Filmreferentin der Kulturbehörde Hamburg und Theda Kluth aus der Staatskanzlei in NRW wohlwollend diplomatisch mit dem Thema und zogen auf filmpolitischer Ebene die Strippen, die endlich im Mai 2002 zur Gründung der AG Kurzfilm führten. Für die Geschäftsführung wurde Sylke Gottlebe gewonnen, die gerade ihre Position als Leiterin beim Filmfest Dresden aufgegeben hatte. Die zündende Idee für die Besetzung stammte von Karsten Hinckeldeyn, Gründungsmitglied und langjährigem Vorstand der Kurzfilmagentur Hamburg, der hier nicht unerwähnt bleiben darf, denn auch er führte im Hintergrund viele wichtige vorbereitende Gespräche und leitete die Gründungsveranstaltung am 5.Mai 2002 im Rahmen der Kurzfilmtage Oberhausen.

Das Team um Sylke Gottlebe und Jutta Wille nahm die Arbeit nun voller Optimismus und Tatendrang auf. Es wurden weitere wichtige Mitglieder für den Verband gewonnen, man kümmert sich seitdem erfolgreich um die Präsentationen deutscher Kurzfilme auf wichtigen Filmveranstaltungen im Ausland, arbeitet für das Genre Kurzfilm an den Novellierungen des Filmförderungsgesetzes mit und ist ein kompetenter Ansprechpartner für alle Fragen rund um Kurzfilme aus Deutschland.

Tolle Arbeit! Ich wünsche der AG Kurzfilm herzlichst das Allerbeste zum 20. Geburtstag und weiterhin viele, viele spannende Kurzfilm-Entdeckungen und bereichernde Begegnungen mit den Filmschaffenden!!!!


Astrid Kühl
Gründungs- und Vorstandsmitglied der AG Kurzfilm bis 2008